Haushaltsperle gesucht!


   Der Tag hatte böse angefangen. Schon am frühen Morgen hatte nichts geklappt. Manchmal wird ein Tag, der schlecht begonnen hat, im Lauf der Stunden noch  ganz erträglich. Diesmal aber wurde es immer schlimmer. Der Abend schließlich versprach alles in den Schatten zu stellen. 

   Peter wusste nicht was er  tun sollte, um seine Geburtstagsfete doch noch zu retten. Sollte er seinen Freunden absagen und eine plötzliche Erkrankung vortäuschen? 

Die Reinigungsfirma hatte ihm für heute morgen eine wahre „Perle“ zugesagt, doch um zehn Uhr Vormittag war noch nicht mal eine „Glasmurmel“ aufgetaucht. Und das an seinem vierzigsten Geburtstag! 

   Ein rauschendes Fest würde es geben, hatte er seinen Freunden großspurig versprochen; mit einem Buffet, das alle Stücke spielen würde, und einer aufgeräumten Wohnung, in der niemand ein Stäubchen Staub finden würde. Und was war Tatsache? Gerade heute, wo nicht nur beruflich, sondern vor allem privat so viel für ihn vom Gelingen seiner Feier abhing, hatte er verschlafen. 
   Kurz vor neun Uhr war er erst wach geworden und hatte sich bei der Rasur eine tiefe Schnittwunde an der linken Wange beigebracht. Als die Blutung gestillt war und er sich im Spiegel betrachtet hatte, war er zutiefst deprimiert gewesen. Danach hatte er untätig geschlagene zwei Stunden auf die versprochene Putzfrau gewartet. Als bis elf Uhr noch immer keine Perle mit Eimer und Schrubber bei ihm aufgetaucht war, hatte er sich hinter das Telefon geklemmt und bei der Telefonistin der Reinigungsfirma seinen Frust abgelassen.

    Er hatte die Wortwahl seiner Stimmung angepasst, woraufhin die Frau am anderen Ende hörbar eingeschnappt gewesen war und bissig geantwortet hatte: „Ich werde Frau Neumeier, die heute früh schon einmal umsonst vor Ihrer Türe auf das Öffnen gewartet hat, über Handy verständigen, dass sich dieser Auftrag erledigt hat. Man müsse sich schließlich nicht alles gefallen lassen und so weiter...“ Seine Entschuldigungen hatten nichts mehr bewirkt. Die Perle Neumeier konnte er sich an den Hut stecken. Andere Firmen, die er in seiner Verzweiflung kontaktierte, verneinten  bedauernd: „Die Kürze der Zeit, Sie verstehen...!“

   Peter hatte sich die Haare gerauft, und das sollte bei seiner bereits schütteren Haarpracht etwas heißen. Ein Blick auf die im Zimmer versprengt liegenden Zeitschriften, Bekleidung, Essensreste, verdeutlichte ihm den Ernst der Lage. Es musste etwas geschehen! Dringend! Sofort!

   Mit Todesverachtung hatte er sich in die Arbeit gestürzt und begonnen, selbst Ordnung zu machen. Das Wohnzimmer war in verhältnismäßig kurzer Zeit optisch für Besucher hergerichtet. Peter hoffte, dass niemand unter die Couch und in den Schrank nachsehen würde, dessen Türe nur zugegangen war, weil er sich mit seinem vollen Gewicht dagegengestemmt hatte. 

    Blieb noch die Küche! Bei deren Anblick war er hemmungslos weinend in sich zusammengesunken. 

Doch wozu hat man Freunde.

   Die Mutter von seinem Freund Dragon war seine letzte Rettung. Seit sie aus dem schönen Jugoslawien zu ihrem Sohn gekommen war, übte sie den Beruf einer Reinmachefrau aus. Nachdem sie den Schock des Anblicks seiner Küche überwunden hatte, ging sie ans Werk. Sie hatte vorsorglich Besen und Schrubber selbst mitgebracht. 

   Peter lag währenddessen erschöpft auf der Couch und bekam auf diese Weise nicht mit, dass innerhalb kurzer Zeit eine volle Cognacflasche gegen eine lehre ausgetauscht wurde. Als Peter nach einer Stunde die Küche inspizierte, bekam er große Augen. Bis auf einem großen, sichtlich vollen Müllsack, der abholbereit an der Türe stand, war der Anblick geeignet, Freude aufkommen zu lassen. Nichts störendes war mehr auf der Anrichte, kein Geschirr, das in der Spüle auf den Abwasch wartete. 
   Peter grinste zufrieden. Die Perle drehte ihm den Rücken zu und stand mit verklärtem Gesicht vor einer Batterie Flaschen. Sie drehte gerade an einem Verschluss, als Peter sich räusperte. Vor Schreck ließ sie die gut gekühlte Flasche Puschkin fallen.          
    „Das haben’s nun davon, Herr!“, schimpfte sie. „ Wollte bloß nachschauen, ob Verschluss in Ordnung, raucht sonst kostbares Schnaps aus. Jetzt ich kann wieder von vorne putzen anfangen.“ 
   Sie hatte beträchtliche Mühe sich zu bücken. Schnapsgeruch breitete sich flächenmäßig aus, der Peter veranlasste fluchtartig der Küche den Rücken zu drehen. Die Perle genoss das Einatmen, während sie in Zeitlupe die Glasscherben mit spitzen Findern zusammensammelte. Anschließend stützte sie sich am Sessel ab, um wieder hochzukommen. Leider ein bisschen zu ungeschickt. Der Sessel kippte weg und krachte gegen den Müllsack, der daraufhin seinen Inhalt gleichmäßig über den Boden verteilte. Vom Aufschrei der Perle alarmiert, besah sich Peter die Bescherung. Was sich zuvor auf Arbeitsflächen und im Spülbecken befunden hatte, breitete sich nun dekorativ am Fußboden aus. Dazwischen die heulende Perle, die noch immer Mühe mit der Gleichgewichtsverlagerung hatte. Peter war im Begriff, sie zu würgen, als es, zum Glück für die Putzfrau, an der Türe läutete.

 

    Zwei Damen von der Delikatessenfirma standen vor der Türe, um das festliche Büffet aufzubauen. Ihr steinerner Rundblick verhieß nichts Gutes. „Sind Sie sicher, dass da heute eine Fete stattfinden soll?“, fragte die ältere Frau  und gab dabei einen Laut von sich, der stark dem  bedrohlichen Knurren einer angriffslustigen Bestie ähnelte. Peter nützte den Augenblick ihrer Ankunft, griff nach dem Besen, drückte ihn der schwankenden Putzfrau in die Hand und sagte bestimmt: “ Den werden Sie wohl für den Heimflug brauchen. Eine sichere Landung wünsche ich!“

 

   Auf Peters eindringliche Bitten hin erklärte sich eine der Damen bereit, ihm beim Aufräumen zu helfen, wenn er dafür anschließend beim Gemüseschneiden assistieren würde. Mit großer Erleichterung hatte er das Angebot angenommen. Es ging fünfundzwanzig Minuten gut, bis er mit dem Messer abrutschte! Ein scharfer Schnitt, der einen tiefen Einblick auf den Knochen seines linken Zeigefingers gewährte...

 

    Nach dem Eingriff im Spital bestand er mit Tränen in den Augen darauf, nach Hause gebracht zu werden. Vierzigster Geburtstag, Haus voller Gäste und so weiter...

Die Ärzte hatten ein Einsehen und ließen ihn ziehen. Erschöpft zog er sich zuhause in das WC zurück, um in Ruhe und ungestört von den zwei wild arbeitenden Frauen, eine Zigarette zu rauchen. Was er nicht bemerkt hatte war, dass die Gemüseschneiderin kurz zuvor siedend heißes Öl in die WC-Muschel geschüttet hatte. Als er die fast fertig gerauchte Zigarette hinter sich in die Muschel warf, schoss eine Stichflamme auf seinem Allerwertesten hoch, wie die Quecksilbersäule eines Fieberthermometers. Sein markerschütternder Schrei alarmierte die beiden Frauen.

    Neuerlich Notarzt, Rettungsmänner und Trage! Beim Abtransport, den er bäuchlings mit seitlich herunterhängenden Armen nicht gerade männlich über sich ergehen ließ, erzählte Peter dem Notarzt das ganze Leid dieses Tages, der eigentlich ein Freudentag hätte werden sollen. Als er den Tathergang zum Besten gab, ließ einer der Rettungsmänner vor Lachen den Griff der Trage los, worauf der andere es ihm prompt nachmachte. Peter konnte seine Hände nicht mehr rechtzeitig anheben ...

 

   Der Notarzt diagnostizierte beim Bewusstlosen einen Bruch des rechten Handgelenks und eine Prellung des Nasenbeins, und forderte sicherheitshalber gleich den hauseigenen Psychiater an, der das unglückliche Geburtstagskind nach dem Erwachen tröstend in den Arm nehmen sollte.