Der Feuerlauf


  

 

   Nora Brauns Leben veränderte sich nach einem Besuch bei ihrer Kosmetikerin. Die kundigen Hände Helenes bearbeiteten energisch Noras Problemzone am Bauch, als gelte es einen Weltrekord einzustellen. Prüfend stellte die Kosmetikerin fest: „Sie tun viel zu wenig für Ihren Körper“. 

   Nora widersprach nicht. Sie wusste selbst, dass sie etwas dagegen tun musste, wollte sie nicht zusätzlich depressiv werden. Schließlich ging sie auf die Fünfzig zu, hatte Übergewicht und zu ihrem Leidwesen mehr graue als blonde Haare auf dem Kopf. 

   „Glauben Sie, dass ein neuer, schlanker Körper meine Probleme lösen kann?“, fragte Nora hoffnungsvoll, und war auf der Stelle bereit, alles für diesen Körper zu tun. Während der Gesichtsmassage erzählte sie Helene von ihrem Wunsch nach einem neuen Mann in ihrem Leben. Ein ganz besonderer Mann sollte es sein. Etliche Jahre jünger, mit Witz, Charme und reichlich Geld sollte er ausgestattet sein, und sie auf Händen tragen. Und aussehen sollte er wie George Clooney. Wenn schon sie nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprach, sollte wenigstens ihr Traummann mit einem athletischen Körperbau und einem knackigen Hintern gesegnet sein. Nora fragte hoffnungsvoll: „Können Sie mir nicht einen Rat geben, Helene, wie ich zu so einem Prachtstück komme?“  

 „Ich denke, Sie sollten an einem Feuerlauf   teilnehmen“, antwortete Helene versonnen, während sphärische Harfenmusik ihre Ohren umschmeichelten. „So ein Feuerlauf hat es nämlich in sich“, betonte sie. „Außerdem wäre es eine gute Möglichkeit, sich von den falschen Gewohnheiten zu lösen.“ 

    Nora betrachtete ihre Kosmetikerin, als wären sie sich heute zum ersten Mal begegnet. Helene war ein schlankes Wesen mit schulterlangen braunen Locken und einem vollkommenen Teint, dem Alkohol und Zigaretten fremd waren. Ihre Gedanken waren von der gleichen Reinheit wie ihr formvollendeter Körper. Kein bitterer Zug um den Mund, keine Krähenfüße um die Augenwinkel. Zumindest keine, die der Rede wert wären. Wenn sie sich in Großaufnahme über Noras Gesicht beugte, hatte diese Mühe, keinen Neid aufkommen zu lassen. Nora dachte, nur weil sie all das hat, wovon ich nur träume, werde ich mich nicht notschlachten lassen, oder doch? Nora stöhnte und schaute fragend auf Helene. 

 

 „Sie meinen, ich soll mit bloßen Füßen über glühende Kohlen laufen?“ „Ja!“ Manches Mal konnte man an Helenes Ratschlägen wirklich zweifeln. Für was sollte so ein Feuerlauf gut sein? Er würde sie weder schlanker noch reicher machen, und ihr vor allem nicht den Traummann vermitteln, den sie sich mehr als alles andere wünschte. „Es wäre ja möglich, dass einer von den Teilnehmern vielleicht George Clooney ist oder ihm wenigstens ähnlich sieht?“, meinte Helene unschuldig und löste mit kundigen Griff den Energiestau im Schulterbereich ihrer Kundin auf. 

Nora hatte einen Entschluss gefasst.„In Ordnung! Wann und wo findet so ein Feuerlauf statt?“ Man durfte keine Möglichkeit außer Acht lassen. Dankbar für den Ratschlag umarmte Nora ihre Kosmetikerin und geizte nicht mit Trinkgeld, als sie ging. 

 

   Wenige Tage später war es soweit. Nora fand sich inmitten einer Gruppe Interessierter, unter denen sie, trotz intensiver Suche keinen fand, der George Clooney auch nur im Entferntesten ähnlich sah. Die Gruppe, die sich im Seminarraum des Hotels Hubertushof eingefunden hatte, bestand aus einigen jungen  Männern, die altersmäßig locker Noras Söhne hätten sein können,  ein paar hübschen Studentinnen, drei Frauen zwischen vierzig und sechzig und zwei Männern im besten Alter, die Nora unter die Kategorie „Notbesetzung“ einreihte. Dazu ein etwa fünfzigjähriger Feuerwehrmann mit leichtem Bierbauch und Vollbart, der für den abendlichen Glutteppich zuständig war. 

   Dennis, der Seminarleiter, jedoch entsprach genau dem Wunschbild das Nora vorschwebte. Auf einer Skala zwischen eins und zehn rangierte er glatt auf neun. Unwiderstehliche Augen, kräftig gebaut, in einem lässigen T-Shirt mit Designerjeans und mit Haaren gesegnet, die manches Frauenherz vor Neid erblassen ließ. In der Luft zwischen den weiblichen Kursteilnehmern und ihm knisterten kleine Explosionen aus Charisma, als sie einen ersten langen Blick wechselten. Nora schätzte ihn auf knapp vierzig, doch das sollte ihr eher Ansporn als Hindernis sein. Leider war sie nicht die einzige die sich wünschte Dennis näher zu kommen. Die jungen Studentinnen himmelten ihn ausnahmslos an, und auch die Älteren bekamen glänzende Augen, wenn er das Wort an sie richtete. Dennis wusste, worauf es beim Mentaltraining ankam. Die Teilnehmer hingen an seinen Lippen und sogen die neuen Erkenntnisse wie ein Schwamm in sich auf. So verging der Nachmittag wie im Flug. Am Abend wurde es jedoch ernst mit dem Feuerlauf. „Wenn ihr über das Feuer geht, löst euch von euren alten Mustern und Gedanken. Denn nur dann hat das Neue, das in euer Leben kommen soll, Platz“, hielt ihnen Dennis eindringlich vor Augen und führte weiter aus: „Energien, wie wir sie jetzt freisetzen, haben die Eigenschaft, sich schnell zu verwirklichen. Also, beherzigt meine Worte!“ 

 

Nora hatte keine Mühe die aufkommende Angst vor dem Glutteppich in den Griff zu bekommen, denn ihre Gedanken kreisten einzig um Dennis. Der gemütliche Feuerwehrmann gab das Zeichen zum Beginn. Einer nach dem anderen sammelte sich, bevor er den ersten Schritt auf die glühenden Kohlen wagte. Am anderen Ende wartete Dennis mit ausgebreitenden Armen, um sie aufzufangen. Der Feuerwehrmann beobachtete, an einem Baum gelehnt, interessiert das Geschehen. Die jungen Burschen und zwei der älteren Damen hatten ihre Willensstärke bereits unter Beweis gestellt, als Nora sich anschickte, über die glühenden Kohlen zu gehen. Den beiden Studentinnen dauerte Noras Konzentrationsphase zu lange, sie drängten an ihr vorbei, und liefen, angefeuert von Dennis, laut jubelnd über die Glut. Nora konnte nicht länger zögern. Die Augen starr auf den Seminarleiter gerichtet, stapfte sie todesmutig über die glühenden Holzstücke. Funken sprühten bei jedem Schritt. Dennis schien keine Eile zu haben, die beiden Studentinnen aus seiner Umklammerung freizugeben und Nora in Empfang zu nehmen. 

 

   Da kam Leben in die Gestalt des Feuerwehrmannes. Bevor Nora wieder kühles Gras unter ihren Füßen spürte, wurde sie von seinen starken Armen aufgefangen und zärtlich an seine Brust gedrückt. Sie überlegte krampfhaft, was sie gedanklich falsch gemacht hatte, dass er und nicht Dennis ... 

Nora schaute in ein bärtiges Gesicht und in warme Augen, die sie interessiert musterten. „Perfekt“, flüsterte der Mann ihr ins Ohr. „Genau das, was ich mir gewünscht habe ...“ 


 

Haben Sie schon gehört? 

 

   Die mächtige Linde mitten am Marktplatz war der Treffpunkt für Frauen des Ortes, die begierig waren, nach dem Einkaufen Neuigkeiten auszutauschen. Unter seinem dichten, tiefgrünen Blätterdach, das sich bis auf gut drei Meter bis zum Boden herabneigte, plauderte es sich besonders gut. Der Baum vermittelte den Menschen ein Gefühl des Geborgenseins. Er umgab sie mit einem energetischen Schutz nach außen, wo die feindliche Welt mit all ihren Belangen auf sie zu lauern schien. 

 

   Ich traf dort auf Frau Kucera, eine etwas stämmige, stets unfrisierte Hausfrau, die gestenreich auf die Pfarrersköchin einredete. Dem entsetzten Gesichtsausdruck von Resi Grauschleier, ein sehr treffender Name für die unscheinbare Pfarrersköchin, entnahm ich, dass Frau Kucera ihr soeben etwas Unglaubliches erzählt haben musste. Auf meinen fragenden Blick hin erklärte mir Frau Kucera mit verschwörerischer Stimme: „Ich habe Frau Grauschleier gerade erzählt, was ich beim Bäcker aufgeschnappt habe. Ich war nämlich heute schon etwas früher unterwegs, weil ich doch nachmittags Besuch bekomme, und da wollte ich beim Bäcker noch schnell einen Sandkuchen kaufen, ehe er ausverkauft sein würde. Nun, und da hörte ich ... Sie werden es nicht glauben ...jedenfalls ist es mir so ergangen ...“, Frau Kucera atmete tief ein und nickte Frau Grauschleier bedeutungsschwer zu, die inzwischen endlich ihren Mund zugemacht hatte. 

   „Was haben Sie denn gehört, was gar so ungewöhnlich ist?“ fragte ich neugierig. 

   „Zwei junge Frauen vom neuen Gemeindebau, Sie wissen schon, der erst voriges Jahr hinter der Sportanlage gebaut wurde, haben über Herrn Trattner gesprochen. Stellen Sie sich nur mal vor, die beiden Frauen gingen in ihren Trainingsanzügen einkaufen ...“ Frau Kucera schüttelte fassungslos den Kopf. „Das hätte es zu meiner Zeit nicht gegeben.“ 

   Ich unterbrach leicht genervt ihren Redefluss. „Was ist mit Herrn Trattner? Worüber haben die beiden Frauen denn gesprochen?“Jetzt mischte sich Resi Grauschleier ins Gespräch, die ihre Sprachlosigkeit endlich überwunden hatte. „Herr Trattner hat seine Frau geschlagen!“ 

   „Nein!“ 

   „Wenn Frau Kucera es aber von den beiden Frauen im Bäckerladen gehört hat!“ 

   Ich schaute ebenfalls entgeistert. Ich kannte Herrn Trattner zwar nur vom Sehen, was mich jedoch nicht daran hinderte, meine Meinung über ihn zu äußern. „Na ja, irgendwie brutal sieht er ja aus. Wenn ein Mann schon ein fliehendes Kinn hat ...da wundert einem nichts mehr. Ich habe seine Frau kürzlich vom Urlaub erzählen hören. Das war beim Fleischer, glaube ich. Nun, ich hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie sprach vom Wetter, dass es jeden Tag über 30 Grad gehabt hätte bei strahlend blauem Himmel von morgens bis abends. Es war auch die Rede von einer Bootsfahrt bei Vollmond und von einer Sache mit einem Hai. Wer weiß, zum Schluss wollte er sie  ...!“ 

   Wieder öffnete Frau Grauschleier ihren Mund zu einem lautlosen Schrei. Auf meinen entsetzten Blick hin deckte sie ihn mit der Hand ab und sprach dafür mit den Augen weiter. Ein Analphabet hätte mühelos den Inhalt des Gespräches darin nachvollziehen können. 

   „Was Sie nicht sagen“, stöhnte Frau Kucera gequält auf. Auch über ihr faltiges Gesicht huschte ein Ausdruck des Entsetzens. 

   „Ja!“, bestätigte ich. „Ich habe zwar nur einige Wortfetzen mitbekommen, genau wie Sie jetzt beim Bäcker, aber das reicht ja, dass man sich ein genaues Bild machen kann, oder?“ Meine Gesprächspartnerinnen nickten zustimmend. Und ob das reichte! Das durfte doch nicht wahr sein. So eine nette Frau, die Frau Trattner. Immer gepflegt und gut gelaunt. Sehr sportlich und zu jedermann freundlich und entgegenkommend. Und dann so etwas! Furchtbar! 

   Wir steckten die Köpfe zusammen und ließen uns  über die Schlechtigkeiten der Welt im allgemeinen aus, als Frau Kucera plötzlich aufgeregt auf zwei Frauen deutete, die in angeregtem Gespräch und mit vollen Einkaufstaschen an uns vorbeispazierten. 

   „Das sind sie“, sagte sie zappelig und deutete mit ausgestrecktem Zeigefinger auf sie. „Die beiden, von denen ich gehört habe, dass Herr Trattner seine Frau geschlagen hat.“ Ich drehte mich nach ihnen um und meinte entschlossen: „Das will ich aber jetzt ganz genau wissen!“ 

   Energischen Schrittes ging ich auf die beiden Frauen im Trainingsanzug zu und sagte: „Entschuldigen Sie, aber wie war das genau mit Herrn Trattner: „ Ich habe gehört, er hat seine Frau geschlagen?“ 

   Die beiden schauten sich schmunzelnd an und die Größere von ihnen stellte fest: „Das hat sich ja schnell herumgesprochen. Aber wir im Klub haben uns mit ihm gefreut. War ja höchste Zeit nach den vielen Trainerstunden, die er genommen hat. Da musste er ja mal ein guter Tennisspieler werden ...“